Geschichte der Verfolgung



Gestapo-Foto von Karl Lauterbach 1944. Er wurde 1945 wegen Selbstverstümmelung am Militärschießplatz Kagran hingerichtet. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien
Karl Lauterbach, 1945 wegen Selbstverstümmelung hingerichtet

Österreich wurde im März 1938 Teil des Deutschen Reiches. Zwischen 1939 und 1945 überzog dieses, unterstützt durch seine Verbündeten, Europa mit einem Ausbeutungs- und Vernichtungsfeldzug. An dessen Ende hatten etwa 35 Millionen Menschen ihr Leben verloren.

 

Die Justiz der Wehrmacht war ein wichtiges Werkzeug der politischen und militärischen Führung zur Durchführung dieses Krieges. Mit einer regelrechten Flut von Prozessen bekämpfte sie jede Form der Abweichung innerhalb der Wehrmacht. Die Militärrichter verhängten mit zunehmender Kriegsdauer immer härtere Strafen. Viele davon wurden zur »Frontbewährung« bis Kriegsende ausgesetzt, was nichts anderes als den Einsatz in Himmelfahrtskommandos bedeutete, den die Wenigsten überlebten. Im Falle des »Endsiegs« hätten die überlebenden Verurteilten ihre ursprünglichen Strafen weiter abbüßen müssen.

 

Insgesamt führte die Wehrmachtsjustiz vermutlich weit über eine Millionen Gerichtsverfahren durch. Fast ein Prozent davon endete mit dem Todesurteil und betraf damit Tausende. Selbst kleine Delikte wurden oft exorbitant mit hohen Zuchthaus- und Gefängnisstrafen geahndet. Die Härte des Strafvollzugs bedeutete für die Gefangen oft den Tod und es ist erst ansatzweise erforscht, wie viele Soldaten durch die Folgen der Lager oder der Straf- und anderen Sondereinheiten umkamen.

 

Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe bei einem Schauprozess vor einem deutschen Militärgericht in Paris 1942. Quelle: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe bei einem Schauprozess vor einem deutschen Militärgericht in Paris 1942

Die deutsche Militärgerichtsbarkeit betraf auch alle Österreicher, die in den Reihen der Wehrmacht kämpften. Die Zuständigkeit der Militärgerichte erstreckte sich bei bestimmten Delikten aber auch auf Zivilisten, wodurch auch Frauen zu ihren Opfern wurden. Wehrmachtsjuristen hielten zudem über Kriegsgefangene der alliierten Armeen Gericht. Gegen Angehörige dieser beiden Gruppen ergingen weitere 7.000 bis 10.000 Todesurteile – wie viele davon vollstreckt wurden, ist aber weitgehend unbekannt.

 

Die besondere Dimension der Urteilsbilanz zeigt der vergleichende Blick auf den Umgang mit der wichtigsten Gruppe von Verurteilten, den Deserteuren: Während die NS-Militärjustiz im Zweiten Weltkrieg 15.000 Todesurteile vollstreckte, wurde in der US-Armee zwischen 1941 und 1946 ein einziges Todesurteil gegen einen Fahnenflüchtigen vollstreckt.